Intuitiver Expressionismus

Intuitiver Expressionismus

Intuitiver Expressionismus

Meine Malerei geschieht vor allem intuitiv. Intuition in meiner Bildgestaltung ist ein Prozess von Entscheidungen in komplexen Zusammenhängen auf der Basis von impliziten Eingebungen. Die Eingebungen entstehen weniger aus logisch nachvollziehbaren, rationalen oder kognitiven Überlegungen, sondern sprechen vielmehr verborgene – ‚tacit‘ – Kenntnisse an und machen diese gestalterisch sichtbar. Die intellektuelle Konnotation findet primär durch bildende Mittel statt und weniger durch Wörter und Begriffe. Daher ist sie am besten piktoral zu verstehen.

Malerei bezieht ihre Existenzberechtigung aus den Möglichkeiten piktoraler Deutung dessen, was nicht auf andere Weise als durch Bilder verstanden werden kann - wie auch die Musik ihre Daseinsberechtigung aus der tonalen und rhythmischen Ausdruckskraft und der Tanz desgleichen aus der Bewegung und Strukturierung des Raumes bezieht. Wörter und Begriffe, gesprochene, geschriebene oder gedachte Sprache können nur zum Teil beim Verstehen helfen und auch das Verstehen selbst ist ein anderes als das Verstehen von Worten. Wenn wir alles in Worte fassen und in Worten begreifen könnten, wären künstlerische Disziplinen wie Musik, Malerei und Tanz fast überflüssig.

Expressionismus in der Malerei ist eine subjektive, visuelle Verarbeitungs- und Ausdrucksweise von Wahrnehmungen und Erfahrungen. Meine Malerei ist zu verstehen als intuitiver Expressionismus. Dies bedeutet unmittelbares, direktes Handeln. Dabei liegen Eingebung, Überlegung und Handeln dicht beieinander und beeinflussen sich gegenseitig. Es geht beim intuitiven Expressionismus immer um eine Kombination aus sensitivem Wissen, Vorstellung und Agieren. Die Anwendung dieser Kombination wird geleitet durch „piktoralen Takt“: ein Gespür oder Bewusstsein dafür, was ich in der Situation des Malens für passend halte. Intuitive Entscheidungen führen nicht immer gleich zum gewünschten Ergebnis. Durch Reflexion werden sie eingeschätzt, neu überdacht, bewertet, und - falls nötig - überarbeitet.

 

‚Impromptus‘ und ‚Elaborations‘

Meine abstrakten Bilder unterscheiden sich in ‚Impromptus‘ und ‚Elaborations‘. ‚Impromptus‘ sind mehr oder weniger improvisierte Kompositionen, ästhetische Forschungen nach Struktur, Balance und Tiefe der Oberfläche. ‚Elaborations‘ sind intuitiv entstanden, aber dennoch vorgedachte und assoziativ ausgearbeitete Vernetzungen piktoraler Elemente und Begriffe wie Punkt – Linie – Fläche – Form – Farbe – Textur – Rhythmus – Raum – Kontrast – Parallelität – Wiederholung Reduktion –  Beziehung – Zusammenhang – Verbindung – Verhältnis – Deutung.

Technisch gesehen sind die „Impromptus“ und „Elaborations“ aus verschiedenen Farbschichten aufgebaut. Die Anzahl der Schichten ist bei jedem Bild unterschiedlich. Manchmal sind es rund zwanzig Schichten, die übereinander liegen. Selten handelt es sich dabei um vollständige Übermalungen. Teile früherer Schichten bleiben meistens erhalten. So entsteht eine differenzierte Oberfläche mit unterschiedlicher Tiefe. Teile der Entwicklungsgeschichte des Bildes  bleiben erkennbar. Neben dem Aufbringen der Farbschichten mit Pinsel und Roller arbeite ich auch mit gegossener und getropfter Farbe, wodurch Punkte, Flächen, willkürliche Muster und Linien entstehen. Nach den verschiedenen Übermalungen wird das Bild in einem weiteren Prozess oft „gehäutet“, d.h. Teile der „Farbhaut“ werden abgekratzt oder abgezogen. Auch hier bleiben Reste auf dem früheren Untergrund zurück. Manchmal rutscht das „Filetiermesser“ auch unbeabsichtigt durch die Leinwand und hinterlässt dann eigenwillige Spuren. Das „gehäutete“ Bild wird anschließend zum Teil wieder übermalt. wieder bleibt etwas vom abgekratzten Untergrund stehen und sichtbar.

Diese abstrakten Bilder entstehen auf einer vorbespannten Leinwand, die zunächst auf dem Fußboden liegt. Werkzeuge, die hier zum Einsatz kommen, sind Roller, Kratzer, Spachtel, Messer, Zange, Lappen, Latten und Stöcke. Ich arbeite an mehreren Bildern gleichzeitig und auch in verschiedenen Phasen, denn diese Art des Arbeitens bringt unterschiedliche Zeiten des Trocknens mit sich. Schließlich kommen die Bilder auf die Staffelei und bleiben dort für eine ausgiebige Nachbearbeitung mit dem Pinsel stehen. Der Moment des „Umzugs“ eines Bildes vom Boden auf die Staffelei ist nicht selten der Moment, in dem sich entscheidet, ob es sich um ein horizontales oder vertikales Bild handeln soll.

 

Stills. Reihe: 'Frauenbilder' und 'Mythologische Porträts'

'Frauenbilder'

Mein 'Stills' sind 'Standfotos' von Frauen, eingefroren Momente. Es ist dem Betrachter überlassen, dem eingefrorenen Moment eine Geschichte und eine Zukunft zu geben, einen 'flash back' und einen 'flash forward'. Die narrative Linie, die 'Storyline', von der die gemalte Person ein Teil ist, muss noch konstruiert werden - und zwar vom Betrachter. Die Aufforderung zum Dialog ist ausdrücklich gewünscht. Es geht um figurative Arbeiten. Personen sind erkennbar, doch Vorsicht: der Schein trügt. Es geht mir nicht darum, ein Modell abzubilden. Die Frauenfigur ist (meistens) nicht das Abbild einer realen Person. Sie ist in erster Linie eine ikonografische Übersetzung eines Aspekts des Frauenbildes aus dem 21. Jahrhundert, und dieser Aspekt stammt aus meiner subjektiven, selektiven Erfahrung und Wahrnehmung. Meine Frauenbilder sind Spiegelungen von Aspekten der Zeit, in der ich lebe. Sie sind gegenwärtig für den Moment ihres Entstehens.

Frauenbilder gibt es in der Kunstgeschichte reichlich. Für viele Künstler war und ist die Frau ein attraktives Motiv, dargestellt in einem bestimmten Kontext oder in einer Szene, in der Landschaft oder Architektur, mit oder ohne Menschen, als Genre – ausgestattet mit Dingen des täglichen Lebens – oder als Allegorie. Ein Beispiel für die Frau als Genre ist ‚Die fröhliche Familie’, 1668 von dem niederländischen Maler Jan Steen gemalt. Beispiele für die Frau als Allegorie, also als personifizierte, sinnbildliche Vorstellung, sind die Bilder ‚Frühling’ oder ‚Das irdische Paradies’ von Nicolas Poussin, entstanden zwischen 1660 und 1664. Künstler haben sich inspirieren lassen durch die Mythologie, und so entstanden Musen, Amazonen und Nymphen. Auch wurden Frauenbilder isoliert gestaltet, für sich selbst stehend, in Miniatur, in kleinen oder großen Formaten.

Gelegentlich ging (und geht) es auch darum, Frauen möglichst präzise abzubilden - und sie dabei vielleicht sogar ein wenig zu „liften“ - , z. B. wenn es galt, einen weit entfernten potenziellen Bewerber von der Attraktivität einer Frau zu überzeugen. Die Fotografie gab es noch nicht. So war es bei dem Porträt von Anna von Kleve, gemalt von Hans Holbein. Heinrich VIII. fand das Porträt erheblich schöner als die Frau selbst, was Heinrichs ministeriellen Auftraggeber Cromwell den Kopf kostete. Öfter noch entstanden Frauenbilder im Auftrag einer (adligen, aristokratischen) Frau selbst bzw. ihres vermögenden Partners. Nicht zuletzt gab es auch religiöse Gründe für einen Auftrag. So waren Madonnen, Evas und Heilige Cecilias zu bestimmten Zeiten ausgesprochen populär. Heutzutage entstehen die meisten Frauenbilder sicher aus der privaten und subjektiven Inspiration des Malers.

Maler streiten und haben gestritten mit der komplexen Thematik des weiblichen Geistes und der weiblichen Körperformen. In verschiedenen Stilrichtungen haben sie versucht, das weibliche Innere sichtbar zu machen oder diese in dem weiblichen Äußeren durchstrahlen zu lassen - wie Leonardo da Vinci das gemacht hat mit seiner ‚Lisa del Giocondo‘, der Heiteren, auch ‚Mona (Frau) Lisa‘ genannt, aus 1502/03 Pablo Picasso mit seinem kubistischen Ansatz von ‚Les Demoiselles d’Avignon‘ von 1907, und Amadeo Modigliani mit dem ‚Liegenden Akt‘ von 1917. Maler haben gender-soziale Fragen als Themen und Motive verwendet - beispielsweise Frida Kahlo, Judith Leyster, Charley Toorop oder Käthe Kollwitz - und oft auch haben sie die Frauen als Sinnbilder abgebildet, als Sinnbild für Tugend und Untugend, für Freiheit, Erotik, Liebe, Hoffnung, Glaube, Aufopferung, Angst, Verzweiflung, Kraft, Mut und Mutterschaft. Die unglaubliche Fülle von Bildern, die Künstler im Laufe der gesamten Kunstgeschichte von Frauen angefertigt haben, ist für Maler der Gegenwart kein Hindernis, dieses Motiv erneut aufzugreifen. Im Gegenteil: die Frau ist auch heute eines der am stärksten inspirierenden Themen und Motive in der Malerei, und sie wird es wohl bleiben.

Meine Frauenbilder sind auf relativ großen Leinwänden gemalt (1,60 x 1,20). Die Figuren sind oft zu Dreivierteln abgebildet. Der Ausschnitte soll mehr Direktheit und Dynamik vermitteln. Die Figuren erfahren durch den Bildraum zwar eine Begrenzung, doch ist der Raum für den Betrachter unbegrenzt. Es handelt sich bei den Bildern um nahezu isolierte Frauenfiguren, d.h. es sind keine oder nur wenige Attribute hinzugefügt - ein Geländer höchstens oder ein Wandteppich. Die Frauen sind selbstbewusst und präsent, aber sie repräsentieren damit nicht per se das heutige westliche Frauenbild. Eher geht es um eine selektive Wahrnehmung von charaktervollen, manchmal fast maskierten Figuranten auf der Bühne des 21. Jahrhunderts: eigensinnig, elegant, raffiniert – eine zeitgenössische ‚Commedia dell’arte‘.

 

'Mythologische Porträts'

Die ‚Ilias’ und die ‚Odyssee’ sind spannende Geschichten - es gibt schöne hervorragende Bearbeitungen und Übersetzungen – wie auch andere Geschichten der griechischen Mythologie. Wenn ich sie lese, versuche ich mir die Menschen, die Helden und Götter vorzustellen, die darin ihre Rolle spielen. Wie haben sie ausgesehen? Ihr Lieben und Leiden, ihre Hoffnung und Verzweiflung, ihr Begehren und Entbehren, ihre List und ihr Wankelmut?

Die evokative Kraft der griechischen Mythologie ist meine Inspirationsquelle für Gedichte, Portraits und Skulpturen. Es geht mir nicht um historische Genauigkeit. Es geht mir um die Übersetzung der Vorstellung, die ich von den Emotionen dieser Helden habe, in Wort und Bild.